"... Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite
Gedanken kamen. Nicht etwa, wie sie etwas sagte oder fragte, brachte den
anderen auf solche Gedanken, nein, sie saß nur da und hörte zu mit aller
Anteilnahme und Aufmerksamkeit.
Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.
Sie konnte so zuhören, dass ratlose und unentschlossene Leute auf einmal ganz
genau wussten, was sie wollten, oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und
mutig fühlten. oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh
wurden.
Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und
er selbst nur irgend einer unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht
ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf -
und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch
während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte,
dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab
und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.
So konnte Momo zuhören! ..."
aus dem Roman "Momo" 1973 von Michael Ende.

Dezember 12, 2023 in Weisheitsgeschichten für Erwachsene